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Schule kann mehr

Von: Richard David Precht

Unsere Kinder lernen das Falsche, sagt Richard David Precht. Er formuliert zehn Prinzipien für eine Bildungsreform.


Gibt es die optimale Schule? Natürlich nicht! Eine optimale Schule wäre eine Schule, die von jedem Lehrer und jedem Schüler als perfekt empfunden wird. Das ist nicht möglich. Aber nach all dem, was wir aus der Hirnforschung, der Entwicklungs- und der Lernpsychologie wissen, kann man von einem "gehirngerechteren Lernen" ausgehen und im Gegensatz dazu von einem, das den Spielregeln des nachhaltigen Lernens widerspricht.

Was also wäre eine gute Schule? Und wie können wir unsere Schulen besser machen? Das Leistungsniveau steigern bedeutet vor allem eines: nicht schneller lernen und nicht mehr Schulstoff, sondern langsamer lernen, tiefer, eindringlicher, und in jenen Wissensgebieten, die dafür geeignet sind, individueller. Gutes Lernen, so könnte man sagen, ist wie guter Sex: Nicht auf Tempo und Frequenz kommt es an, sondern auf die Eindringlichkeit, die individuelle Variation und den nachhaltigen positiven Effekt auf unsere Psyche. Der Vergleich ist schon deshalb nicht weit hergeholt, weil es sich bei allen Erregungen unseres Gemüts immer um das gleiche Belohnungszentrum handelt, das jedes Mal (mit leichten Unterschieden in den chemischen Cocktails) aktiviert wird.

Anna, die Schule und der liebe Gott - der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern

heißt das neue Buch von Richard David Precht, das seit dem 22. April im Handel ist. Precht bringt darin seine Entrüstung über das deutsche Bildungssystem zum Ausdruck und entwirft das Bild einer besseren Schule. Im ersten Teil ("Die Bildungskatastrophe") stellt er dem Bildungssystem eine verheerende Diagnose. Im zweiten Teil ("Die Bildungsrevolution") macht er Vorschläge zum Umbau der Schule. Diese sind zum Teil recht radikal, wie etwa die Einführung einer Kindergartenpflicht vom dritten Lebensjahr an. Der hierveröffentlichte Text basiert auf dem vorletzten Kapitel des Buchs.

Man stelle sich also eine Schule vor, bei der unsere Kinder und Jugendlichen von den 100 Prozent Wissensstoff ein paar Jahre später mehr als nur ein Prozent in Erinnerung haben. Eine Schule, in der man so lernt, dass man statt loser Brocken und toter Phrasen Zusammenhänge behält. Kurz: Es geht um ein höheres Bildungsniveau! Doch wie erreicht man das?

1. Kinder wollen lernen

Seit Maria Montessoris Vorstellung vom Kind als "Baumeister seines Selbst" ist es eine kluge Einsicht, Kinder nicht mehr "belehren zu wollen", sondern ihnen zu helfen, sich selbst etwas beizubringen. Dafür gilt als erstes Gebot, die intrinsische Motivation des Kindes nicht zu zerstören, sondern sie zu pflegen und zu fördern. Eine gute Pflege besteht dabei gewiss nicht darin, Kinder mit Angeboten zuzuballern, wie manche Eltern dies heute tun, sondern unter anderem im rechtzeitigen Rückzug der Lernbegleiter. Kinder müssen sich auch einmal langweilen dürfen, allerdings nicht gerade deshalb, weil man sie mit schlechtem Unterricht traktiert. Beim Lernen unterstützend tätig zu werden, das Potenzial eines Kindes zu entfalten, heißt weder, es überfordernd alleinzulassen, noch, es an jeder erdenklichen Stelle zu sichten, es hervorzuzerren und zu vernutzen. Die intrinsische Motivation ist eine sensible Pflanze. Sie stirbt, wenn man sie nicht mit Anregungen gießt, aber man kann sie auch ebenso leicht überdüngen und ertränken.


2. Jedes Kind ist anders

Das zweite Prinzip besteht darin, ein Kind individuell lernen zu lassen. Eine gute Schule muss sich nach den Bedürfnissen, den Begabungen und dem Lerntempo eines jungen Menschen richten und ihn dazu befähigen, dieses Tempo selbst zu steuern. Ob man dazu wie früher in einer Bibliothek stöbert und von Buch zu Buch wandert oder sich heute in den digitalen Labyrinthen des Internets vorwärtsforscht, ist in der Sache letztlich das Gleiche. Nur dass es heute weniger sinnlich, dafür aber erheblich einfacher und schneller geworden ist. Wer auf diese Weise seine Neugier befriedigt und spielerisch lernt, erlebt die Freude der Selbstständigkeit und entwickelt fortschreitend Selbstvertrauen. Was unter diesen psychologischen Umständen gelernt wird, hat weit bessere Chancen, für das Leben erhalten zu bleiben, als das heutige Lernen im standardisierten Klassenzimmerunterricht. Wenn der Lehrer dazu als Coach Hilfestellungen leistet und allzu viele verlockende Ablenkungen unterbindet, ist einem optimalen aufbauenden Lernen keine Grenze gesetzt. Desgleichen gilt für die wechselseitige Hilfe und den Ansporn durch Mitschüler im jahrgangsübergreifenden Unterricht.

3. Vergesst die Fächer

In der Schule gleicht die Welt einem Apothekerschrank, bei dem jede Ausziehschublade ein anderes Etikett trägt: Mathematik, Physik, Biologie, Geschichte oder Englisch. Aber in der Welt außerhalb der Schule hängen all diese Gebiete untrennbar miteinander zusammen. Dieser Zusammenhang wird im heutigen Schulunterricht kaum sichtbar. Die Demarkationsgrenzen zwischen den Fächern hemmen den Erkenntnisgewinn und zügeln die Neugier. Vielmehr kommt es auf das Verstehen von Sinn und Sinnlichkeit der Dinge an und die Zusammenhänge dieser Welt. Vieles lernt sich einfacher und wird besser erinnert, wenn das Lernziel nachvollziehbar ist. So lassen sich viele Bereiche der Geografie, der Geschichte, der Physik, der Chemie, der Biologie, der Ökonomie und der Politik am besten in Projekten verstehen. Zum Beispiel zum Thema "Klimawandel". In so einem Projekt könnte der Erdkundelehrer mit dem Physiklehrer die meteorologischen Verhältnisse aufzeigen und der Politiklehrer die Klima-Kriege in der sudanesischen Darfur-Region darlegen, während die Klasse Argumente und Ideen sammelt und austauscht, welche Lösungen es geben könnte – und zwar des Spaßes und der Übung halber auf Englisch. Auch die Spielregeln unseres Wirtschafts- und unseres Rechtssystems, zwei sträflich vernachlässigte Themen an unseren Schulen, lassen sich in Projekten darstellen und durchspielen.

4. Bildet Lernteams

Auf einen Klassenunterricht, der die Kinder nach dem Alter rekrutiert und sie zwingt, im Gleichschritt dasselbe zu lernen, wird die Schule der Zukunft verzichten. Es ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche umso freudiger lernen, je stärker sie sich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen. Die Frage ist nur, ob dies tatsächlich Jahrgangsklassen sein müssen. Was für die ersten vier bis sechs Schuljahre sinnvoll sein mag, sollte nicht für die gesamte Schulzeit gelten müssen. Spätestens mit dem siebten Schuljahr finden sich Freundschaften auch schnell jahrgangsübergreifend (die älteren Jungen sind ohnehin interessanter für die Mädchen). Wichtiger als das gleiche Alter sind ähnliche Interessen, die sich zu Lernteams organisieren lassen.

5. Vertieft Beziehungen

In einer konventionellen Schule gibt es einen Schulleiter und darunter ein Kollegium von vielleicht hundert Lehrern. Eine intensive Arbeitsbeziehung zwischen Schulleitung und Lehrern entsteht auf diese Weise eher selten oder gar nicht; man kennt sich oft nur flüchtig. Das Gleiche gilt für das Verhältnis von Lehrern und Schülern. Der Chemielehrer, der eine Klasse für ein Jahr unterrichtet und im nächsten Jahr eine andere übernimmt, hat kaum die Möglichkeit, mehr über seine Schüler zu erfahren, geschweige denn sich persönlich für sie verantwortlich zu fühlen. Deshalb ist es notwendig, den Schulkörper zu untergliedern in einzelne Lernhäuser. Von der ersten bis zur zehnten Klasse gehören die Schüler des Zuges A einem Lernhaus an, die Schüler des Zuges B einem anderen und so weiter. Jedes Lernhaus wird von einem Lernhausleiter betreut und verantwortet. Statt aus einem anonymen Lehrerkollegium besteht die Schule nun aus mehreren kleineren Kollegien, die als Teams in den Lernhäusern zusammenarbeiten. Kompetition, die durch den Wegfall des Ziffernsystems nicht mehr innerhalb einer Jahrgangsklasse stattfindet, gibt es jetzt als spielerischen Wettbewerb zwischen den Lernhäusern, die auf Vorleseturnieren oder im Kopfrechnen gegeneinander antreten können.

6. Fördert Werte

Richard David Precht,

geboren 1964, ist wohl einer der populärsten deutschen Intellektuellen. Mit seinem Philosophie-Bestseller Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? wurde er 2007 einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Weitere Bestseller, etwa über Liebe oder Moral, folgten. Precht ist ein gefragter Vortragsredner, auf Firmenveranstaltungen ebenso wie an Hochschulen. Er ist häufig Gast in Talkshows und hat im ZDF eine eigene Sendung: Precht

Richard David Precht hat in Köln Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert und über Robert Musil promoviert. Als Honorarprofessor lehrt er in Lüneburg und Berlin. Er hat einen Sohn und drei Stiefkinder.


Damit Schüler sich mit ihrer Schule identifizieren, muss es Rituale geben, die jede Schule beziehungsweise jedes Lernhaus zu etwas Besonderem machen, etwas Unverwechselbarem. Solche Rituale sind umso notwendiger, je weniger die Elternhäuser der Kinder noch Bräuche und Zeremonien kennen (wie feste Mahlzeiten, religiöse Feste, regelmäßige Zusammenkünfte), die zu jedem erfüllten Leben dazugehören. Aus einem augenscheinlichen Nichts Bedeutungen zu erzeugen gehört zu den großartigsten Fähigkeiten des Menschen. Eine solche Bedeutung entsteht auch durch das Bilden von Teams, in denen man stolz aufeinander ist und sich wechselseitig inspiriert. Die angelsächsischen Schulen und Universitäten kennen das Geheimnis solcher Teams schon seit langer Zeit, einschließlich der dazugehörigen Initiations- und Abschiedsrituale, Bräuche und Traditionen, wie sie auch in Harry Potter vorkommen. Ein bisschen Hogwarts tut jeder Schule gut. Auch sollte man ernsthaft darüber nachdenken, Schuluniformen einzuführen. Die Vorteile überwiegen ganz entschieden gegenüber den Nachteilen. Wer seine Schule als einen Ort sieht, der die inneren Werte seiner Schüler fördern will, sollte überlegen, wie groß der Stellenwert materieller Äußerlichkeit in einer Schulgemeinschaft sein soll. Eine Schuluniform verringert nicht nur die sichtbaren sozialen Unterschiede, sie befreit ebenso von dem alltäglichen Terror des Markenfetischismus auf unseren Schulhöfen (eine Erlösung auch für viele Eltern).

7. Verschönert die Lernorte

Die meisten Schulgebäude erinnern heute an Krankenhäuser, Finanzämter oder Kasernen. Lange, fantasieverlassene Flure, von denen in Reih und Glied die Zimmer abgehen. Als man solche Schulen baute, wusste man nahezu nichts über das Lernen und fast ebenso wenig über die Psychologie von Kindern. Vorbild waren die Verwaltung und das Militär. Eine moderne Schule dagegen orientiert ihre Architektur an den Bedürfnissen lernender Menschen. Die Unterteilung der Schule in Lernhäuser beinhaltet, dass die Schularchitektur dezentral ausgerichtet ist, organisiert rund um einen Campus als Mittelpunkt. Sie schafft Nischen und Rückzugsorte, aber auch Begegnungsräume. Eine moderne Schule ist keine Verwaltungseinheit, sondern bildet die Wissensgesellschaft ab. Sie ist ein Netzwerk an architektonischen Beziehungen.

8. Trainiert die Konzentration

Je mehr es in der Welt unserer Kinder und Jugendlichen "piept, ploppt, twittert und livetickert" (so der ZEIT-Journalist Henning Sußebach), umso wichtiger wird es, die Kunst zu beherrschen, sich vor solchem Aufmerksamkeitsraub zu schützen. Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden heranwachsende Gehirne von so vielen Reizen bestürmt und überflutet wie heute. Dass viele Kinder damit so überfordert sind, dass sie die Fähigkeit verlieren, sich dem zu entziehen, darf nicht verwundern. Sie verlernen, Nein zu sagen und länger bei einer Sache zu bleiben. Und je mehr Elternhäuser hier versagen oder aufgeben, umso wichtiger wird die Aufgabe der Schule, für Konzentration und Stille zu sorgen. Dringend erforderlich ist ein Training, das vom ersten Schuljahr an unseren Kindern hilft, sich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen, ihr eigenes Tun zu reflektieren, sich selbst besser zu verstehen. Ob man dieses Coaching nun "Glück" nennt, "Lebenskunst" oder "Philosophie", ist dabei vergleichsweise egal.

9. Schafft die Noten ab

Die Bewertung nach Ziffern wird der Persönlichkeit unserer Kinder nicht gerecht. Das Notensystem stammt aus einer psychologisch und pädagogisch uninformierten Epoche. Es dient der Selektion, korrumpiert die Schüler und gehört definitiv nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Hat der Schüler an Motivation zugelegt? Ist er interessierter geworden? Hat er gelernt, mit einem Misserfolg besser umzugehen? Wie viele neue Ideen hat er entwickelt? All diese Fragen lassen sich nicht durch ein Dokument mit Ziffern beantworten. Es ist deshalb höchste Zeit, die Notenzeugnisse zu ersetzen. An ihre Stelle sollte ein sorgsames, auf die Individualität des Kindes bezogenes Monitoring treten. Statt Zensuren zu vergeben, sollten Lehrer schriftliche Beurteilungen verfassen über den Lern- und Entwicklungsweg ihrer Schüler, über ihr Können und ihre Persönlichkeit. Dies gilt für die Jahrgangszeugnisse ebenso wie für das Abgangszeugnis oder das Abitur. Für die Berufswelt sind Ziffern-Zensuren ohnehin von keiner Bedeutung. Hier zählen Qualitäten wie Führungsstärke, Begeisterungsfähigkeit, Teamgeist, Flexibilität oder die Fähigkeit, andere mitzureißen, von denen ein herkömmliches Zeugnis nichts weiß.

10. Lasst ganztägig lernen

Wer Bildungsgerechtigkeit nicht nur beschwört, sondern ernst nimmt, kommt nicht umhin, den schädlichen Einfluss mancher Elternhäuser auf den Lernerfolg zu verringern. Das aber geht nur, wenn alles in der Schule relevante Lernen auch tatsächlich in der Schule geschieht und nicht etwa bei Hausaufgaben oder im außerschulischen Nachhilfeunterricht. Für die Schüler bedeutet eine verbindliche Schulzeit bis 16 Uhr gegenüber einer Halbtagsschule schon deswegen keine längere Lernbelastung, weil die Hausaufgaben wegfallen beziehungsweise als Aufgaben in der Schule erledigt werden. Ein Kind, das nachmittags aus der Schule kommt, hat dann tatsächlich "frei". Das Gleiche gilt für die Lehrer.

Die Schule der Zukunft kümmert sich um die ganze Lernbiografie, statt sie, wie bisher, zu einem erheblichen Teil der Willkür, dem Vermögen und dem Unvermögen von Elternhäusern zu überlassen. Und sie ist, im Gegensatz zur bestehenden Praxis von deutschen Ganztagsschulen, auch für das ganztägige Lernen verantwortlich, vormittags wie nachmittags. Was heute noch in Lernen und Betreuen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten und Finanzierungen zerfällt, sollte in Zukunft aus einem Guss geschmiedet sein.

Die organisatorischen Strukturen einer solchen Zukunftsschule sehen wie folgt aus: ein flächendeckendes Kita-Angebot für alle Kinder in Deutschland vom zweiten Lebensjahr an. Eine gemeinsame Schule für alle bis einschließlich des zehnten Schuljahrs. Eine Auflösung der Jahrgangsklassen nach dem vierten oder sechsten Schuljahr. Ein Abenteuerprojektjahr im achten Schuljahr. Eine Trennung nach dem zehnten Schuljahr in die gymnasiale Oberstufe oder in eine Lehre mit weiterer schulischer Begleitung. Und eine eigene Berufsförderschule mit Lehre für diejenigen, die den Anforderungen des zehnten Schuljahres nicht gerecht wurden, mit dem Ziel, den gleichen Abschluss auf diese Weise zu schaffen. Auch auf Lehrpläne, die die Schullektüre oder die altersgemäße Ballsportart vorschreiben, wird man in der neuen Schule verzichten können, ebenso auf amtliche Vorschriften, wie Schulen ihr Kollegium zusammenstellen oder wie sie ihre Lehrer befördern (wenn möglich, nicht nach Dienstjahren).

Der Besuch des Kindergartens sollte in diesem System Pflicht sein. Wenn der Besuch des Kindergartens keine Pflicht ist, so bleiben nicht nur Kinder zu Hause, deren Eltern viel Zeit haben, sich um sie zu kümmern. Es gehen auch die Kinder nicht in den Kindergarten, deren Eltern sich darum keine Gedanken machen oder die ihre Kinder aus kulturellen oder religiösen Gründen für sich behalten und abschotten wollen.

Ein Kind von der öffentlichen Gemeinschaft fernzuhalten, in der es später leben muss, schadet sowohl dem Kind als auch der Gemeinschaft. So gehen in Deutschland vor allem jene Kinder nicht in den Kindergarten, die den Besuch am nötigsten haben, zum Beispiel um Deutsch zu lernen oder sich sozial inspirieren zu lassen. Auch wenn man Eltern verstehen kann, die ihre Kinder in diesem Alter gern bei sich zu Hause behalten möchten – diesen nicht allzu hohen Preis müssen sie für das Allgemeinwohl und die Zukunft des Landes zahlen. Im Übrigen steht zu erwarten, dass sich der Widerstand gegen die Kindergartenpflicht bald überleben wird. Ist sie erst einmal eingeführt, wird sie von fast allen als völlig selbstverständlich angesehen werden.

Natürlich wird es Einwände geben: von Pädagogikprofessoren, Bildungspolitikern und Journalisten. Man sollte die Debatte doch bitte "unaufgeregter" führen, "weil es doch sonst nichts bringt". Aber das Argument ist falsch. Große Veränderungen werden nicht durch ewig gesuchte Mittelwege und jahrelang abgewogene Gedanken erreicht. Wer das glaubt, möchte im Grunde, dass die Schule bleibt, was sie ist: ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Ohne Leidenschaft, Emotion und mitunter auch ohne die eine oder andere Zuspitzung wird es nicht gehen, wenn es tatsächlich zu strukturellen Veränderungen kommen soll.

Wer etwas verändern will, setzt sich Ziele. Und wer etwas verhindern will, sucht Gründe. In unserer gegenwärtigen Gesellschaft in der Bundesrepublik erleben wir seit einiger Zeit den Sieg der Gründe über die Ziele. Ideen und Konzepte brauchen harte Konturen, um langfristig erfolgreich zu sein. Sie müssen sich im Gefilz von Ideologien und Egoismen, in den Aufregungs- und Entrüstungsreflexen der Massenmedien und dem langen Marsch durch die Bürokratie behaupten. Und doch lohnt es sich, im Interesse unserer Kinder, unserer Lehrer und unseres Landes dafür zu kämpfen, dass die Bildungspolitik den Blick auf die Bewahrung des Gestern verliert und ihn endlich gemeinsam auf die Zukunft richtet.

•Quelle: DIE ZEIT, 11.4.2013 Nr. 16

•Adresse: http://www.zeit.de/2013/16/richard-david-precht-schule-bildungsreform/komplettansicht

 




 
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